Gedanken zur Jahreslosung 2022

Von Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt

Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Johannes 6,37)

Die Jahreslosung 2022 kommt aus dem Johannes-Evangelium. Da sagt Jesus: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Das klingt sehr allgemein, fast wie ein Aphorismus oder Kalenderspruch. Oder nach einer Eigenwerbung der Kirche, die das hoffentlich nicht nur sagt, sondern auch praktiziert: „Wer zur Kirche kommt, den werden wir nicht abweisen.“ Oder nach dem Sonntagsspruch eines Asylpolitikers: „Wer nach Deutschland kommt, den werden wir nicht abweisen.“ Oder nach väter­licher Nonchalance: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinauswerfen.“ (Denn so muss es korrekt übersetzt werden, und so hat es Luther auch übersetzt.) Doch dann wird der Vater sagen: „Aber komm mir ja nicht noch einmal mit demselben Fehler.“ Und schließlich: „Mein lieber Sohn, so langsam könn­test du mal…“ Doch genau das ist ja der Testfall für dieses Wort, dieses „immer wieder“, dass ich immer wieder ankom­me mit demselben Fehler, mit demselben Problem, mit dem­selben Versagen.

Die Therapeuten machen es sich oft leicht. Sie geben dir irgendwelche Lernaufgaben und lassen dich dann allein. Nicht so der Sohn Gottes. Zu ihm kannst du immer wieder kom­men. „Es tut mir leid, ich habe schon wieder schlecht geredet über meine Kollegin. Ich weiß, dass das nicht gut ist, und ich wollte es auch nicht mehr tun, aber dann ist es doch wieder passiert.“ Wie oft habe ich das schon erlebt! Und wie oft habe ich hinterher die Hände gefaltet und mich bei ihm entschul­digt. Bei ihm? Ja, bei ihm. Die Kollegin würde meine Entschuldigung gar nicht annehmen, weil sie mir sowieso nicht mehr glaubt. Geht mir ge­nauso. Und Jesus? Ist er so naiv? Naiv nicht, aber gütig und geduldig. An anderer Stelle hat er gesagt: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal“ wird er verzeihen, und sollen auch wir verzeihen. Doch ich ahne schon, dass ich das nicht einmal siebenmal schaffen werde. Obwohl es viel zu verzeihen geben wird, wie der ehemalige Gesundheitsminister vorhergesagt hat.

Aber dass Jesus so unendlich gütig und geduldig ist, das macht mir Mut, auch für die Zukunft. Und so ist mein guter Vorsatz für das neue Jahr nicht, dass ich mich bessern will, dass ich dies oder das tun oder lassen will, sondern schlicht, dass ich mich auf dieses Wort verlassen und ihm vertrauen will: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Und dass ich mir immer wieder vergeben lassen will, damit ich immer wieder neu anfangen kann. Immer wieder. Und so lautet mein Übersetzungsvorschlag für dieses Jesuswort, die Jahreslosung 2022: „Wer zu mir kommt, den werde ich nie abweisen.“