Predigt von Prof. Haberer anlässlich des Reformationsgottesdienstes

Nun freut euch liebe Christengmein

oder

Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht,

sondern der Kraft der Liebe und der Besonnenheit

Wann haben Sie das letzte Mal etwas riskiert? Liebe Schwester, lieber Bruder!

Wann haben Sie sich öffentlich zu etwas, einer Sache, einem Glauben, einem Menschen bekannt? Zu Europa? Zu den offenen Grenzen? Zu Jesus Christus? Bekennen ist für uns ein eher peinlicher Gestus, insbesondere, wenn es um ein religiöses Bekenntnis geht. Das wirkt so verkrampft und verbindlich. Wir in unserer Gesellschaft können mit diesem Jesus und der Religion jeden Sonntag ein wenig liebäugeln. Wir können uns frei und unbedroht in eine Kirche setzen und den Gottesdienst wie ein Konzert an uns vorbei rascheln lassen. Wir können uns zurücklehnen und darüber nachdenken, ob wir den Pfarrer unterhaltsam oder uncool finden.

Schon wenige Flugstunden von uns entfernt, ist alles etwas spannender. Da kostet es Mut in den christlichen Gottesdienst zu gehen, weil einem da schon mal beim Ostergottesdienst die Kirche um die Ohren fliegt. Und trotzdem gehen die Menschen hin. Bekennen: das kann lebensgefährlich sein. Man sollte wissen, wofür man einen solch hohen Einsatz wagt.

Wenige Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg 1523 gab es die ersten Toten. Martin Luther hatte auf dem Reichstag in Worms verweigert seine neue Lehre zurückzunehmen. Der Kaiser erklärte ihn unmittelbar daraufhin für vogelfrei. Das bedeutete: Jeder, der ihn erwischte, konnte ihn töten. Und die Höflinge des Kaisers formulierten eine detaillierte Zensurmaßnahme. Politisch Ungewolltes zu Publizieren war etwa so gefährlich wie in der Türkei heute. Das heißt: die Schriften Martin Luthers zu besitzen, zu lesen, zu zitieren, weiterzugeben, zu verbreiten war unter drakonische Strafen gestellt.

Das konnte die Reformation nicht aufhalten. Unter den Ladentischen wurden die Luthertexte weitergegeben, heimlich gedruckt und auswendig gelernt. Intellektuelle und Handwerker, Studenten und Bauern riskierten ihre Freiheit, wenn nicht ihr Leben, in dem sie diese Breaknews unermüdlich weiterverbreiteten: nämlich, dass die Gnade Gottes gratis ist und der Christ in seinem Gewissen frei und dass die allesbestimmende Deutungsmacht der römischen Hierarchie ein Ende hat.

Gott sei es gedankt, dass wir diesen Gottesdienst heute gemeinsam feiern dürfen, weil uns das Erbe Martin Luthers heute gemeinsam gehört.

In Brüssel gab es dann die ersten Opfer. Zwei ganz junge Augustinermönche aus Antwerpen wurden bei der Verbreitung der neuen Lehre erwischt, gefangengenommen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Sache der Reformation, die mit einem Angebot der Debatte begonnen hatte, wurde zum Kampf um die Seelen, Gedanken, Meinungen. Der Kampf um die Deutungshoheit hatte begonnen und der wurde todernst.

Luther, der bis dahin Sendbriefe geschrieben hatte und Lehrstücke, der gelehrte Disputationen abhielt und mit den Humanisten und den Fürsten korrespondierte, war zornig, traurig und angefasst. Er griff zum ersten Mal zur Feder, um sich des wirksamsten Mediums der einfachen Leute zu bedienen: er schrieb einen Song. Nicht für den Gottesdienst oder die Liturgie, sondern für die Straße.

Ein Lied für die Mund zu Mund Propaganda, für die Bänkelsänger und Straßenmusikanten: ein Zeitungslied, wie man damals sagte. Der Mord an den beiden jungen Männern sollte überall bekannt werden und die Kunde von den Märtyrern der Reformation sollte in alle Ecken der deutschsprachigen Regionen dringen: „Ein neues Lied wir heben an“. So hieß Luthers erstes Lied, mit einer schwungvollen Schlagermelodie und eingängigen Reimen.

Das Lied beschrieb in allen Einzelheiten den Tod der beiden jungen Augustinermönche und es sollte vor allem die Ideen weiterverbreiten, um derentwillen die beiden Männer gestorben waren.

Ein neues Lied. Ein riskantes Lied.

Der Erfolg war durchschlagend. Das Lied wurde ein Lied des Aufstands gegen die Angst und gegen die Verfolger der neu gewonnenen Freiheit. Überall gesungen und geträllert, aufgeführt und performt.

Das brachte den Professor aus Wittenberg auf eine glänzende Idee. Die Anhänger der Reformation sollten Lieder schreiben. Er bat seine gelehrten Freunde sogar persönlich darum. Musik und Text. Für alle verständlich. Eingängig. Zum Mitsingen und trällern. Neue Lieder für ein neues Bekenntnis. Fröhliche Lieder für neue Freiheit. Protestlieder gegen Unterdrückung und Zensur. Musik und Singen als höchstpersönliche Form des Bekenntnisses. Was ist persönlicher, als dass einer oder eine aufsteht und die Stimme erhebt auf der Straße und auf den Marktplätzen und seine Überzeugung kundtut: mit hoher oder tiefer, schöner oder krächzender Stimme. Hauptsache laut. Hauptsache ich.

Leider waren die meisten Freunde Luthers nicht sonderlich poetisch begabt, sodass er es halt wieder selbst machen musste, der Luther. Und so entstand das erste Lied der Reformation als Gassenhauer:

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.

Jauchzt vor Freude!

Springt vor Freude!

Singt ohne Angst!

Singt mit Lust und Liebe!

Denn Gott hat Dich freigemacht und freigesprochen.

Du bist geliebt und anerkannt und wertgeschätzt und hochgehalten und selber groß durch diesen Gott, der ganzer Mensch geworden ist, damit Du ein freier und stolzer und liebender und selbstbewusster Mensch werden kannst.

So eine Kraft.

So eine Power.

So ein wunderbarer Gedanke.

Mit solch einer explosiven Wucht kann nur einer schreiben, der selber durch die Hölle gegangen ist. Der fast zerbrochen ist. Dem tausend Ringe um die Brust lagen, die barsten, wie beim treuen Heinrich im Märchen. Der nicht anders kann als singen von der Liebe und der Freiheit und der Gnade. Der allen davon erzählen will, dass sie sich etwas zutrauen können, dass sie sich nicht mehr klein machen müssen.

Moderne Psychologen würden sagen Luther hat sich mit Hilfe der Bibel aus einer tiefen Depression befreit. Aus einem Leben in ständiger Furcht, dem Anspruchssystem seiner Gesellschaft und seiner Umgebung nicht entsprechen zu können.

Dieses System hatte über jede Lebensäußerung ein Urteil. Jeder Schritt, jeder Gedanke diente der Selbstbeobachtung, ob man dem strafenden Gott nicht einen Vorwand gegeben hätte. Die ständige Angst vor dem „Dislike“ des Schöpfers: Du bist es nicht wert. Du bist nicht recht, so wie Du bist und musst dich immer mehr anstrengen, um geliebt zu werden und anerkannt.

Du musst Dich ständig kontrollieren; auf Habachtstellung sein.

Mache ja keinen Fehler: die Dämonen warten auf Dich. Die Hölle freut sich schon.

Martin Luther wollte sündenfrei werden. Perfekt. Keine sündigen Taten: keine Maßlosigkeit, keine Wollust, keine, auch nicht die kleinste Lüge. Kein Groll gegen andere. Niemals Groll gegen Gott. Kein Zweifel. Und vor allem kein Hochmut.

Alles verboten. Martin Luther quälte sich als Mönch im Augustinerkloster. Der Theologiemagister putzte die Latrinen, betete Tag und Nacht. Fastete bis er Halluzinationen hatte. „Er wollte im Rennen um die Heiligkeit als Sieger hervorgehen“, schreibt Lyndal Roper (Luther S.80 S. Fischer 2016), die detaillierte kritische Biographin Martin Luthers.

Doch was er erreichte, war nicht Glück oder Zufriedenheit. Diese Observanz, wie man in der Sprache der Mönche sagt, diese strikte Einhaltung der Regeln durch unablässige Selbstbeobachtung – „observare“ ist das lateinische Wort für beobachten – machte ihn krank. Sein Leben wurde nicht heiter und sauber, sein Leben wurde immer düsterer und gefühlt schmuddeliger. Und sein Gottesbild wurde immer schwärzer. Er sah nur den Richter in Gott und stellte sich vor, dass Gott ihn verurteilt und hasst. All sein Bemühen, es Gott recht zu machen, all sein Bemühen ein guter Christ zu sein, erster zu werden beim Rennen um den Siegerkranz, verdunkelte sein Gemüt immer mehr. Nicht Befreiung, sondern Angst war sein Lohn. Angst nicht perfekt zu sein.

So hört sich das an:

Dem Teufel ich gefangen lag,
im Tod war ich verloren,
mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,

darin ich war geboren.
Ich fiel auch immer tiefer drein,
es war kein Guts am Leben mein,
die Sünd hatt’ mich besessen.

Mein guten Werk, die galten nicht,
es war mit ihn’ verdorben;

der frei Will hasste Gotts Gericht,
er war zum Gutn erstorben;
die Angst mich zu verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Höllen musst ich sinken.

Später wird Martin Luther eine Menge von dieser Zeit erzählen und er wird eine der wichtigsten Erkenntnisse der Reformation auf dieser Suche nach der Perfektion formulieren. Er wird erkennen, dass der Versuch perfekt zu sein – sei es vor Gott oder vor der Welt – zum Scheitern verurteilt ist, den Menschen in die Sackgasse treibt und ihn unglücklich und unselig macht. Und es machte ihn darüber hinaus selbstbezüglich. Wer sich ständig selbst beobachtet, steht im Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit. Der hat keine Aufmerksamkeit für die anderen, der lebt – Luther wird dafür einen treffenden Ausdruck finden – der lebt in sich selbst verkurvt.

Das Unglückliche daran ist, das wer sich selbst ständig observiert – so nennt man eigentlich eine polizeiliche Maßnahme – also wer sich selbst ständig observiert, landet immer wieder bei sich selbst. Die Selbstvermessung führt zur Vermessenheit, wird zum Egotrip. Und es gibt – nach Luther- keine Entschuldigung dafür, dass man die Selbstobservierung um Gottes Willen macht, also um Gott gerecht zu werden. Das erhöht – und das ist die Erkenntnis Luthers – das erhöht den Zynismus dieser Lebenshaltung noch:

Selbstbezüglichkeit um Gottes Willen, die Vernachlässigung der anderen und der Welt ausgerechnet im Namen Gottes.

Luther hat dieses System der Beobachtung und Selbstbeobachtung gesprengt. Explosionsartig. Nur mit einem neuen Gedanken.

Liebe ist nicht käuflich. Anerkennung kann nicht durch Selbstvorwürfe und Selbstgeißelung und Anpassung und Kriecherei erworben werden.

Daraus wurde ein gefährliches Bekenntnis zur Freiheit.

Das ist bis heute politisch und ganz persönlich ein wundervolles Versprechen.

Kann man das heute noch nachfühlen? Wissen Sie, liebe Gemeinde, wie das klingen kann, ein neues Lied. Das uns mit neuen Tönen aus den Systemen der modernen Anspruchssysteme befreit.

Wir leben heute in einer Welt, wo wir wie selten zuvor wirkliches, tief verwurzeltes Selbstvertrauen und eine sichere Navigation brauchen, um an einer Welt weiterzubauen, in der Gerechtigkeit und Freiheit und Friede die Maßstäbe der Gemeinschaft bleiben. Und viele von uns spüren, dass wir umgeben sind von Systemen der Beurteilung, des Like und Dislike im Netz, der Selbstbeobachtung im Wettbewerb mit anderen:

wie komme ich rüber? wie sehe ich aus? wo ist mein Rang im Ranking, meine Position im Wettlauf um einen anerkannten Platz in der Gesellschaft?

Und: spielt der Glaube und das Bekenntnis zu Gott dabei noch eine Rolle? Kann der Glaube an Gott wirklich freimachen und mutig und selbstbestimmt und liebevoll?

Frei sein heißt, die Anerkennungssysteme der Zeit und der Welt in der wir leben zu erkennen.

Im Namen Gottes frei sein, das heißt eben nicht: mach Dein Ding und kümmere Dich um niemanden. Es ist leider, leider viel mühsamer, anstrengender persönlicher – und schöner.

Frei sein im christlichen Sinn heißt: mach Dein Ding und kümmere Dich um die anderen. Sei aufmerksam, schau wie es ihnen geht, fühle Dich verantwortlich für die Gruppe, in der du lebst und die Gesellschaft um Dich herum.

Das Wichtigste was Luther erkannte ist, dass Menschen, die von bestimmten Anerkennungssystemen abhängig sind, immer nur um sich selbst kreisen. Sie beobachten ununterbrochen sich selbst, hinterfragen sich selbst, ringen immerzu um Anerkennung und versäumen dabei das Leben.

Und da ist es egal, ob einer um sich selbst kreist, weil er Angst hat in die Hölle zu kommen oder weil er Angst hat bei Facebook gedisst zu werden. Der Effekt ist der gleiche: Ich komme in einen Sog der Selbstbeobachtung, der in einem ewigen Selbstzweifel mündet.

„Cut“ Sagt da der Glaube. Stopp. Es ist Gott, der Dich beurteilt. Niemand anderes hat das Recht dazu. Niemandem darfst Du das Recht einräumen. Es ist dieser Backofen voll von glühender Liebe, wie Luther das ausdrückt, der Dich frei macht im Kern Deiner Existenz. Und da bricht dann ein neuer Geist auf Dich herein, in Dich hinein: eine neue Haltung. Ein neues Lied überall zu singen: gern auch auf der Straße. Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Drum freut Euch liebe Christen gemeinsam. Und tanzt und springt und bekennt Euch zu einem Gott, der die Anspruchssysteme dieser Welt sprengt und immer wieder sprengt. Der uns lachen lässt über Zukunftsangst und Schwarzseherei. Der uns das Leben lieben lässt und das Leben wagen lässt. Immer wieder neu. Je nachdem welche Lieder die Zeiten singen.

Wir singen das immer neue Lied von der Freiheit in Liebe und der Freude an Gott und der Welt. Amen

 

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