Monatsspruch für September 2018

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3,11)

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Eine steile These. Viel scheint dagegen zu sprechen: Krieg, Hunger, Massenmigration, Ausländerfeindlichkeit, Klimawandel, Pflegenotstand, um nur ein paar allgemeine aktuelle Nöte und Besorgnisse zu nennen. Andererseits wächst die Weltbe­völ­ke­rung unaufhörlich. Würde sie das tun, wenn das Leben nicht schön wäre? Würden Menschen das Leben so hemmungslos weitergeben? Und das liegt ja nicht nur daran, dass es in Afrika kei­ne Verhü­tungsmittel gibt. Selbst bei uns wächst die Bevölkerung wieder, obwohl manche sagen, in dieser Zeit dürfe man keine Kinder in die Welt setzen. Alles Quatsch! Das Leben ist schön! „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Warum feiern wir Geburtstag, obwohl der Geburtstag das offizielle Dokument des Älterwerdens ist und jeder Geburtstag uns dem Tod ein Jahr näher bringt? Weil das Leben schön ist und weil wir als Christen glauben, dass Gott alles schön gemacht hat.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Zu seiner Zeit? Das verstehe ich so, dass alles seine Zeit hat, wie auch der berühmteste Vers aus dem Buch des Predigers heißt. Nehmen wir die Jahreszeiten. Mir geht es so, dass ich jede Jahreszeit immer wieder freudig begrüße, dass es immer wieder schön ist, wenn sie beginnt und in Blüte steht, auch der Herbst mit den bunten Wäldern, auch der Winter mit dem ersten zarten Schnee, der die Landschaft in reines Weiß taucht. Doch wenn wir schon im März Hochsommer haben oder – wie zu erwarten ist – schon im September die Bäume ihre Blätter verlieren, dann kommt das zur Unzeit und ist nicht schön. Nein, als schön empfinden wir den natürlichen und zeitgemäßen Wechsel der Jahreszeiten. Und so hat es der Schöpfer ja auch eingerichtet, wie es heißt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ In diesem Sinne begrüße ich es auch, wenn wir mit der Abschaffung der Zeitumstellung wieder „zur Natur zurück“ kehren. Aber wehe, wenn wir mit dem selbstgemachten Klimawandel und der Abschaffung der Jahreszeiten dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen!

Doch manchmal gibt es eben auch Augenblicke, wo wir mit Doktor Faust sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Und dann spüren wir, dass solche Augenblicke der Erfüllung und des Glücks ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit sind, auf das, was wir in der Kirche auch „den Himmel“ oder „das Paradies“ nennen. Das meint der Prediger, wenn er sagt: Gott hat „die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt.“ Das heißt, aus dem Gefühl, dass es Momente gibt, die für die Ewigkeit sind, und aus dem Gefühl, dass es eine Ewigkeit geben muss, folgt, dass es sie gibt. So modern ist der Prediger, so modern ist die Bibel. Das ist neuzeitlicher Subjektivismus, Vertrauen in das Gefühl.

Aber gerade deshalb, weil es solche Momente gibt und wir fragen: Warum ist das nicht immer so?, bleibt uns die Welt und das Schicksal ein Rätsel. Da ist einerseits der Sportler, der mit seinem Auto auf der Brücke in Genua in die Tiefe gestürzt und unverletzt geblieben ist. Da ist andererseits das Kind, das von seinen Eltern sexuell misshandelt und zu Tode gequält wird. Wo bleibt der Sinn, wo bleibt die Gerechtigkeit? Wer kann das verstehen? Viele Menschen werden dadurch an Gott irre. Aber was gewinnt man, wenn man deshalb Gott leugnet? Man kann nicht sagen, alles Böse oder alles das, was wir für böse halten, hat keinen Sinn, nur das Gute. Das ist theologische Rosinenpickerei. Wenn Sinn ist, dann hat alles Sinn, auch das, was wir nicht verstehen. Der Prediger sagt: „Nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ Wenn Sinn ist, dann hat alles Sinn, auch Krankheit, auch Tod, ja sogar das Böse. Für uns Christen ist das Kreuz Christi Sinnbild dafür. Durch das Kreuz erlöst Gott die Welt. Am Kreuz leidend und sterbend erlöst Christus die Welt. Das heißt nicht, dass die Bösen und das Böse dadurch gerechtfertigt seien, nein, aber der allmächtige Gott kann eben auch aus dem Bösen etwas Gutes machen. Bonhoeffer hat gesagt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes  entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“

Doch nicht nur das Dunkle und Böse hat bei Gott einen Sinn, sondern auch das Banale. Es gibt keine Zufälle, weder beim Glücksspiel noch beim Fußball. Gott wäre nicht der Allmächtige, wenn er nicht über Alles die Macht hätte und wenn es Zufälle gäbe. „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ Und weil er es nicht ergründen kann, muss er, kann er, darf er glauben.

Bernhard Schmidt

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