Gedanken zur Jahreslosung 2021

Von Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Zwischen den Jahren habe ich mit meiner Familie den Film „Das Boot“ im Fernsehen gesehen. Ein neuer Film nach dem teilweise autobiographischen Roman von Lothar-Günter Buchheim aus dem Jahre 1973 über seine Kriegserlebnisse im 2. Weltkrieg. Es geht um einen deutschen U-Boot-Ka­pi­tän, der zu den Amerikanern überlaufen will, und um das Geschehen 1943 in der französischen Hafenstadt La Rochelle, wo die deutschen U-Boote ausliefen, und wo sich Widerstand gegen die deutschen Besatzer und die Deportation der jüdischen Bevölkerung regte, der jedoch brutal niedergeschlagen wurde.

Als ich den Film sah, verstand ich die Jahreslosung für 2021. Sie kommt aus dem Lukas-Evan­ge­lium, aus der so genannten „Feldrede“ Jesu, dem Pendant zur „Bergpredigt“ bei Matthäus und lautet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Das erste ein Imperativ: „Seid barmherzig.“ Im be­sagten Film wird eine junge Frau gezeigt, die einer kleinen jüdischen Familie, einem Vater mit zwei Kindern, bei der Flucht nach Spanien helfen will. Es ist zutiefst beeindruckend und beschämend, wie diese junge Frau nur auf die Stimme ihres Herzens hört. Nicht auf die Stimme der Propaganda, nicht auf die Stimme der Kollegen und Nachbarn, nicht auf die Stimme der Vernunft und der Selbsterhaltung: „Du kannst ja doch nichts machen.“ „Die werden ja doch gefasst.“ „Du gefährdest nur dich und deine Familie.“ All diese Stimmen blendet sie aus und riskiert Leib und Leben für andere. Warum? Weil es Menschen sind. „Seid barmherzig!“ Sie hat Jesus verstanden, der im Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder im Gleichnis vom Weltgericht mit den sieben Werken der Barmherzigkeit („Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“) gelehrt hat, wer barmherzig ist und wer es nicht ist.

Aber ich habe noch etwas anderes verstanden. Als ich den Film sah, die Angst, die Gewalt, leibliche und seelische, das ganze Elend des Krieges und der deutschen Gewaltherrschaft, da dachte ich: Wie gut es dir doch geht. Wie relativ sorglos du dein Leben lebst und leben kannst bzw. wie klein im Vergleich doch deine Sorgen sind. Und ich dachte: Ist das nicht auch ein Erweis der Barm­her­zig­keit Gottes, wie es hier im Kausalsatz, dem zweiten Teil der Jahreslosung heißt: „wie auch euer Vater barmherzig ist“? Dabei ist mir schon klar, dass Vergleiche immer schwierig sind, dass Gottes Barmherzigkeit nicht objektiv feststellbar ist, und dass seine Barmherzigkeit nicht jeder und jede auf gleiche Weise erfährt. Doch habe ich einen Anspruch darauf, mehr als andere? Natürlich nicht. Des­halb kann ich es nur als Gnade bezeichnen – jemand hat in diesem Zusammenhang einmal von der „Gnade der späten Geburt“ gesprochen – und als unverdiente Barmherzigkeit Gottes betrachten, für die ich herzlich dankbar sein will.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Diese Barmherzigkeit Gottes in meinem Leben zu entdecken, jeden Tag, das ist der erste Schritt und sie dann selbst zu tun, der zweite. Das sind meine Vorsätze für das neue Jahr.