Gedanken zur Jahreslosung 2020

Von Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24)

Was für ein merkwürdiger Satz, was für ein Paradox! Was denn nun, Glaube oder Unglaube? Der Satz stammt aus einer existentiellen Situation. Es ist der Hilferuf eines Vaters eines todkranken Kindes. Man kann auch sagen “der letzte Schrei” des Vaters im Angesicht eines epileptischen Anfalls seines Kindes, mit dem er sich an Jesus wendet. Ich kenne das. „Morbus sacer“ nannte man diese Krankheit im Altertum, „die heilige Krankheit“ oder auch „Fallsucht“. Manche führten diese Krankheit (Epilepsie = Angriff) auf natürliche Ursachen zurück, andere auf Dämonen. Die moderne Medizin weiß heute wenigstens, dass ein epileptischer Anfall die Folge von plötzlich auftretenden elektrischen Entladungen von Nervenzellen im Gehirn darstellt. Es ist tatsächlich wie ein Gewitter. Wer einmal einen solchen Anfall miterlebt hat, vergisst das nicht.

Und auch das kenne ich: Wenn du in höchster Not Gott um Hilfe anflehst, und wenn dir in diesem Moment bewusst wird, dass der Hilferuf unverschämt ist, weil du die Hilfe gar nicht verdient hast. Weil du – gemessen an der Intensität der augenblicklichen Bitte – vielleicht sonst eher kleingläubig oder sogar ungläubig bist. Weil du vielleicht bis dahin gemeint hast, dass es schon irgendwie werden wird, dass es die Medizin schon richten wird. Oder weil du vielleicht bisherige Errettungen für selbstverständlich gehalten hast. In diesem Moment wird dir die ganze eigene Unwürdigkeit bewusst. Wenn ein Mensch jetzt helfen könnte, würdest du alles geben, alles. Aber diesen Menschen gibt es nicht. „Lieber Gott, wenn Du jetzt hilfst, dann werde ich immer…“ Oder: „wenn Du jetzt hilfst, dann werde ich nie wieder…“ Was sind in solchen Situationen schon für Versprechen, ja Gelübde abgelegt worden. Aus dem Jurastudenten Martin Luther wurde auf diese Weise ein Mönch… („Hilf, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“)

Und doch ist wahrer und wirklicher christlicher Glaube eben Glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Manche Theologen meinen, dass auch der Apostel Paulus Epileptiker war, und dass seine intensive Bitte um Heilung (2Kor 12,8) nicht erhört worden ist. Stattdessen bekam er die Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ Glauben heißt vertrauen, vertrauen darauf, dass Gott weiß, was gut ist für mich und für uns, und dass er es besser weiß als ich selbst. Trotzdem will Gott gebeten sein, und es gilt, was der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti sagt: „Glaube ist zuerst und vor allem Gebet.“