500. Gedenktag der Reformation – von Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt, Vorsitzender der Kollegialen Leitung des Kirchenkreises Falkensee

Vor 100 Jahren schrieb Adolf von Harnack, der führende deutsche Theologe seiner Zeit: „Die Neuzeit hat mit der Reformation Martin Luthers ihren Anfang genommen, und zwar am 31. Oktober 1517; die Hammerschläge an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg haben sie eingeleitet.“

Heute haben wir diese Gewissheit nicht mehr. Alles ist unsicher geworden. Ob Luther seine Thesen an der Tür der Schlosskirche angeschlagen hat, ob er sie am 31. Oktober angeschlagen hat, ob er sie überhaupt angeschlagen hat, und ob diese Thesen der Beginn der Reformation und ein Türöffner für die Neuzeit gewesen sind. Und zu allem Überfluss ist jetzt auch noch ein Ablassbrief aufgetaucht, auf dem der Name Martin Luder steht. Alles ist unsicher geworden.

Aber irgendwie scheint es, als sei sich „die Welt“ der Bedeutung Luthers sicherer als die Kirche. Während in Berlin kleinlich darüber diskutiert wird, ob der Bronze-Luther vor der Marienkirche nicht verdoppelt und abgesenkt werden müsse, schenkt der Staat seinen Bürgern einmalig einen bundesweiten Feiertag. Wenn das kein Statement ist! Ich finde das gut. Und angemessen. Deutschland, Europa und die Welt haben Martin Luther viel zu verdanken. Kommenden Dienstag werden wir einen ganzen Tag Zeit haben, darüber nachzudenken.

Sicher, Luther, der eigentlich Luder hieß, hatte auch dunkle Seiten. Seine Schriften gegen die Bauern und die Juden sind erschreckend. Das soll nicht verschwiegen werden. Und er war es nicht allein, ihm kam die damalige Großwetterlage zu Hilfe. Ihm kam sein Kurfürst, Friedrich der Weise, zu Hilfe. Ihm kamen Philipp Melanchthon und andere Freunde und Kollegen zu Hilfe. Und dennoch: Als er am 18. April 1521 in Worms vor dem Kaiser und den Fürsten stand und die berühmten Worte sprach: „Widerrufen kann und will ich nicht, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen“ („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist nicht eindeutig belegt), da musste er allein für sich gerade stehen. Da half ihm nur sein Glaube, sein Gewissen, sein Gott. Und das ist die eigentliche und bleibende Leistung Martin Luthers, die Begründung der individuellen Gewissensfreiheit und die Überwindung der Todesangst durch den Glauben an einen barmherzigen Gott. Ich habe in diesem Sommer auch in Florenz, in der Kirche Santa Croce vor dem Grabmal Galileo Galileis („Und sie bewegt sich doch…“) gestanden. Er hatte nicht Luthers Mut.

Ich will noch eine andere Leistung würdigen. Mit seinen Liedern hat Luther Menschen einerseits getröstet, andererseits gebildet, informiert, aufgerüttelt. Seine Lieder haben Politik gemacht. Mit seinem frühesten Kirchenlied „Ein neues Lied wir heben an“ (1523) setzte er den beiden ersten Märtyrern für die evangelische Sache, Henrik Vos und Johannes von Esschen, die 1523 in Brüssel auf dem Scheiterhaufen starben, ein bleibendes Denkmal.

1529, als die Türken Wien belagerten, dichtete Martin Luther das einstrophige Lied „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten“. Dieses Lied ist ein Friedenszeugnis par excellence. Nicht nur, weil es Gott in stürmischen Zeiten um die Bewahrung des Völker- und Religionsfriedens bittet, es ist auch ein Zeichen der Verbundenheit mit der römisch-katholischen Kirche. Denn Luther greift hier die alte lateinische Friedens-Antiphon „Da pace Domine“ (Gib Frieden, Herr) auf. Darin steckt die tiefe Weisheit, dass man um Frieden nicht gegeneinander, sondern nur miteinander bitten kann.

Beim ökumenischen Festgottesdienst am 500. Gedenktag der Reformation, am 31.10.2017 um 10.00 Uhr in der neuen Falkenseer Stadthalle, wird auch dieses Lied erklingen. Es hat an Aktualität nichts eingebüßt. Wahrer Friede (Schalom) ist ein Geschenk an die Welt, um das wir nur gemeinsam bitten können.

 

 

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